
The Dark Side of the Moon
Die offizielle Fulldome-Show zum Pink-Floyd-Album, produziert mit NSC Creative und Pink Floyds langjährigem Kreativdirektor Aubrey Powell.
Immersive Insights · Ausgabe 03 · Fulldome
Das Licht geht aus, der Raum verliert seine Kanten, und man steht plötzlich mitten im Wald, auf einem Gipfelgrat oder taucht ab und schwimmt mit Fischen. Ein Bericht über die stille Revolution unter der Kuppel.
Die meisten denken bei „Planetarium" an Sterne, Planeten und einen Vortrag über den Nachthimmel. Das stimmt schon lange nicht mehr. Unter derselben Kuppel laufen heute Musikfilme, Dokumentationen, Actionsport-Reisen und sogar Firmenpräsentationen, oft ohne dass jemand von aussen etwas davon mitbekommt.
01 · Die Erfahrung
Eine Kuppel funktioniert anders als jede Leinwand, weil sie keinen Rand hat, den das Auge finden könnte.
In einem normalen Kino weiss der Körper jederzeit, wo die Leinwand aufhört und der Saal beginnt. Unter einer Kuppel fällt dieser Fixpunkt weg. Das Bild reicht über den gesamten sichtbaren Raum hinaus, nach oben, zur Seite, fast bis in den Rücken, und irgendwann hört das Gehirn auf, nach einem Rahmen zu suchen.

Was folgt, ist ein kurzer, sehr direkter Ortswechsel: Man steht plötzlich mitten im Wald, balanciert auf einem Gipfelgrat, oder taucht ab und schwimmt mit Fischen durch ein Riff, ohne dafür einen Schritt getan zu haben.
Der Ton trägt dabei mindestens so viel wie das Bild. Gute Fulldome-Produktionen arbeiten mit räumlichem Klang, der so präzise gesetzt ist, dass ein Geräusch spürbar von hinten links kommt, während vorne rechts etwas ganz anderes passiert.
Im fast dunklen Saal reicht das oft aus, um eine Geschichte zu «sehen», obwohl kaum Licht im Raum ist, ganz ähnlich wie bei einem guten Hörspiel: Die drei Fragezeichen erzeugen seit Jahrzehnten ganze Welten allein durch Sounddesign, ohne ein einziges Bild zu zeigen.
Unter der Kuppel kommt zu diesem Effekt noch der Körper dazu, der sich buchstäblich im Klangfeld befindet statt nur davor zu sitzen. Genau das beantwortet die Frage, warum sich ein Besuch überhaupt lohnt. Nicht, weil man dabei etwas lernt, das man auch nachlesen könnte, sondern weil neun oder zwölf Minuten unter der Kuppel etwas mit der eigenen Wahrnehmung machen, das sich schwer in Worte fassen, aber sehr leicht wiedererkennen lässt, sobald man es einmal erlebt hat.
02 · Vier Beispiele
Ein Planetarium ist heute vor allem eines: eine sehr grosse, sehr eindrückliche Leinwand für so ziemlich jedes Genre, sofern der Inhalt fürs Vollbild gedacht ist.

Die offizielle Fulldome-Show zum Pink-Floyd-Album, produziert mit NSC Creative und Pink Floyds langjährigem Kreativdirektor Aubrey Powell.

Eigene Avocado360-Produktion, von Beginn an fürs Kuppelformat gedreht, gezeigt an Fulldome UK und Dome Fest West.

Eigene Avocado360-Produktion, Premiere im Planetarium Luzern am 1. Juni 2022.

Ursprünglich als 360°-VR-Messefilm gedreht, danach fürs Kuppelformat konvertiert und im Planetarium Luzern gezeigt.
Drei der vier Beispiele oben sind eigene Arbeiten, bewusst zurückhaltend platziert, weil der eigentliche Punkt ein anderer ist: Wer heute einen Film fürs Kuppelformat produzieren lässt, bekommt mehr als eine einzelne Leinwand. Weltweit gibt es nach Schätzungen internationaler Planetarien-Fachverbände deutlich über zweitausend feste Planetarien, in beinahe jedem Land, oft auch in kleineren Städten. Ein einmal fertiggestellter Fulldome-Film erbt damit ein Vorführ-Netzwerk, das bei einem klassischen Kinofilm so schlicht nicht existiert.
03 · Die kleine Schwester
Nicht jede Kuppel ist ein Bauwerk. Eine wachsende Zahl ist innerhalb weniger Stunden aufgebaut und wieder verschwunden.
Parallel zu den grossen, fest verbauten Planetarien wächst eine ganz andere Kategorie: aufblasbare oder geodätische Mini-Domes, die sich in wenigen Stunden aufbauen und wieder abbauen lassen. Anbieter wie das deutsche aiRdome|VR oder das polnische Polidomes bringen mobile Kuppelkinos direkt an Messestände, in Innenstädte oder auf Firmenareale, teils als Einzelkuppel, teils zu ganzen „Dome-Dörfern" verbunden. b-dome vermietet vergleichbare Strukturen in Berlin und Madrid.
Für Avocado360 ist das mehr als eine Randnotiz. Genau diese kleine, mobile Kategorie ist besonders interessant für Auftraggeber, die keine feste Dome-Infrastruktur besitzen, aber trotzdem einen Moment schaffen wollen, der über ein normales Video hinausgeht.

04 · Die grosse Kuppel rüstet auf
Statt Bilder auf eine Kuppel zu projizieren, leuchtet bei der neuesten Generation die Kuppel selbst.
Klassische Planetarien projizieren Bilder von aussen auf eine weisse Kuppelfläche, mit allen bekannten Einschränkungen: Der Raum muss vollständig abgedunkelt sein, Kontrast und Schärfe leiden mit steigendem Umgebungslicht. Eine neue Generation ersetzt die Projektionsfläche durch tausende einzelne LED-Segmente, die selbst leuchten und auch bei Restlicht brillant bleiben.
Das Prager Planetarium hat als erstes Haus in Europa eine solche volle LED-Kuppel installiert. In China hat das Science and Technology Museum in Suzhou mit Unterstützung von RSA Cosmos das erste LED-Kuppel-Planetarium des Landes eröffnet, nach nur rund sieben Monaten Bauzeit.
05 · Wachsende Nachfrage
Zwei Namen erklären derzeit am besten, wohin sich das Format bewegt: Cosm und die Sphere in Las Vegas.
Am eindrücklichsten lässt sich das an der Sphere in Las Vegas zeigen, längst zum Sinnbild dafür geworden, was mit kugelförmigen Grossleinwänden heute möglich ist: 111 Meter hoch, 157 Meter breit, innen ausgekleidet mit dem höchstauflösenden LED-Display der Welt, 16K mal 16K Pixel, dazu ein Soundsystem mit über 1'500 Lautsprechermodulen und mehr als 160'000 einzelnen Klangkanälen. Über 17'000 Menschen finden gleichzeitig Platz.
Parallel dazu baut die neuere Kette Cosm eigene „Shared Reality"-Kuppelkinos auf, mit LED-Kuppeln von rund 26 Metern Durchmesser, bereits eröffnet in Los Angeles und Dallas, für 2026 angekündigt in Atlanta und Detroit. Der Fokus liegt vorerst auf Live-Sport und Konzerten, aber die Richtung ist klar: Wo grosse, immersive Kuppelflächen entstehen, wächst automatisch der Bedarf an Inhalten, die dafür gemacht sind, und an Auftraggebern, die bereit sind, in solche Inhalte zu investieren.
06 · Nah dran
Auch hierzulande gibt es längst mehr als ein Haus, und beide Schweizer Beispiele sind erstaunlich unterschiedlich.

Aus unserer Praxis
Eines der grösseren, moderneren Kuppelkinos Europas: 18-Meter-Kuppel, rund 250 Plätze, digitale Fulldome-Projektion mit 3D-Sound. Hier feierte Planet Red Bull 2022 Premiere, hier lief die Kuppel-Konvertierung von Beyond Gravity.
Deutlich kleiner, dafür ganz neu: Oberhalb von Niedermuhlern bei Bern eröffnete 2023 Space Eye, eine Kombination aus Sternwarte und kompaktem 8K-Planetarium, zusammen mit dem grössten öffentlich zugänglichen Teleskop der Schweiz. Eingebettet ist die Schweiz damit in ein dichtes europäisches Netz. Ob Cosm mit seinem eigenen Kuppelformat bald auch nach Europa kommt, ist derzeit noch offen, die LED-Technologie hinter dem Prager Planetarium stammt allerdings bereits von Cosm.
07 · Die andere Seite
Eine wachsende Zahl von Kuppel-Produktionen zielt gar nicht mehr aufs Verstehen, sondern aufs Beruhigen.
Neben Wissensvermittlung und Konzerten entsteht unter der Kuppel eine dritte, leisere Kategorie: Klangbäder, Unterwasseraufnahmen von Walgesang oder abstrakte Musik-Mathematik-Reisen, die bewusst nichts erklären wollen, sondern das Nervensystem beruhigen sollen. Yoga- und Meditationskuppeln sind dabei kein Nischenprodukt mehr, von kleinen Retreat-Domes bis zu Planetarien, die morgens vor der ersten Sternenshow eine stille Stunde für Atem- und Klangübungen reservieren.

Konzerte sind dabei eine Zwischenform, weniger meditativ, aber ähnlich körperlich. Am weitesten geht dabei die offizielle Fulldome-Show zu Pink Floyds The Dark Side of the Moon: Produziert vom Fulldome-Studio NSC Creative gemeinsam mit Aubrey Powell, Pink Floyds langjährigem Kreativdirektor, und über die International Planetarium Society weltweit an Häuser lizenziert. Die 45-minütige Show setzt alle zehn Albumtracks chronologisch in eigene, visuelle Kapitel um, mit einem neuen Remaster von James Guthrie und Joel Plante. Ein Detail schliesst dabei den Kreis: Das Album selbst feierte seine allererste öffentliche Aufführung am 27. Februar 1973 nicht in einer Konzerthalle, sondern im London Planetarium.
In Luzern zeigte sich dasselbe Grundprinzip 2023 im kleinen Rahmen: Acht Musiker der Band KUNZ spielten die letzten zehn Konzerte ihrer „Weisch No"-Tour im ausverkauften Planetarium, mit eigens von Avocado360 produzierten 360°-Filmen und Fotopanoramen für jeden Song, zweimal täglich, eine Woche lang vor jeweils 200 Gästen.
Die Kuppel ist keine Nischeninfrastruktur für Sternengucker mehr, sondern eine Bühne, auf der man ebenso gut etwas lernen wie einfach nur für ein paar Minuten woanders sein kann.
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