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Fachkraft über 60 auf dem Arbeitsmarkt Schweiz bearbeitet Video mit KI-Unterstützung am Videobearbeitungsplatz, Avocado360

KI verdrängt Jobs — aber wer profitiert wirklich?

KI verändert den Arbeitsmarkt schneller als je zuvor. Doch wer verliert wirklich — und wer gewinnt? Ein Blick auf Jugendliche, ältere Arbeitnehmer und meine eigene Erfahrung als über 60-Jähriger mit KI im Alltag.
KI verändert den Arbeitsmarkt schneller als je zuvor. Doch wer verliert wirklich — und wer gewinnt? Ein Blick auf Jugendliche, ältere Arbeitnehmer und meine eigene Erfahrung als über 60-Jähriger mit KI im Alltag.

Der Arbeitsmarkt Schweiz steht durch künstliche Intelligenz vor einem der grössten Umbrüche der letzten Jahrzehnte. Doch wer verliert wirklich – und wer gewinnt?

Die Schlagzeilen sind laut — aber stimmt das Bild?

«KI klaut Jobs.» Diese Schlagzeile dominiert seit Ende 2022 die Medien. Und die Zahlen sind nicht zu ignorieren: Eine Studie der ETH Zürich zeigt, dass die Zahl der Arbeitssuchenden in stark KI-exponierten Berufen seit November 2022 um durchschnittlich 27 % stärker gestiegen ist als in wenigen KI-exponierten Berufen. Gleichzeitig sind die Online-Stellen in denselben Berufsgruppen um 30 % bis 40 % zurückgegangen. Dies hat erhebliche Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt Schweiz.

Das klingt bedrohlich. Aber das Bild ist komplexer als die Schlagzeile.

Jugendliche: Digital Natives unter Druck

Man würde erwarten, dass die Generation, die mit Smartphones aufgewachsen ist, am meisten von KI profitiert. Das stimmt,aber nur halb. Die Beschäftigung von 22- bis 25-jährigen Softwareentwicklern ist seit Ende 2022 um ein Fünftel gesunken. Insgesamt sank die Zahl der 22- bis 25-jährigen Beschäftigten in Jobs, die am stärksten von KI geprägt sind, um 6 Prozent.

Der Grund ist paradox: Genau die Einstiegsjobs, die Jugendliche früher als erste Stufe auf der Karriereleiter nutzten, Code schreiben, Texte formulieren, Daten auswerten –, erledigt KI heute schneller und billiger. Wer als Junior-Entwickler oder Junior-Texter anfangen wollte, findet weniger offene Türen.

Aber: Jugendliche, die KI früh als Werkzeug statt als Konkurrenz begreifen, verschaffen sich einen erheblichen Vorsprung. Die Zahl der Stellenausschreibungen mit KI-Bezug hat sich laut PwC Schweiz seit 2018 von 2’000 auf 20’000 im Jahr 2024 verzehnfacht. Wer KI kann, ist gefragter denn je.

Ältere Arbeitnehmer: Erfahrung schlägt Algorithmus

Ältere Arbeitnehmer profitieren von ihrer Erfahrung, die KI nicht ersetzen kann. Das ist kein Klischee , es ist ein Studienergebnis. Ältere Beschäftigte profitieren teilweise von stabileren Arbeitsverhältnissen und spüren die Verschiebung erst, wenn sie eine Stelle aktiv suchen müssen.

Was KI nicht kann: Jahrzehnte an Branchenkenntnis, Kundenbeziehungen, das Gespür für Situationen, die auf dem Papier nicht erklärt werden können. Ein erfahrener Kameramann weiss, wann man den geplanten Dreh abbricht und improvisiert. Ein KI-System weiss das nicht.

Meine eigene Erfahrung — über 60 und täglich mit KI

Ich bin Urs Wyss, Gründer von Avocado360 und seit über dreissig Jahren in der visuellen Produktion tätig. Ich bin über 60. Und ich arbeite täglich nicht mit KI, weil ich muss, sondern weil es mich schneller macht.

Früher brauchte ich für eine Offerte einen halben Tag. Heute formuliere ich die Eckdaten, lasse die KI einen ersten Entwurf erstellen und verfeinere ihn mit meiner Branchenkenntnis. Resultat: Eine Stunde statt vier. Die Qualität? Besser als vorher, weil ich mehr Zeit für das habe, was wirklich zählt: den Inhalt, nicht die Formatierung.

Noch interessanter: KI hat mir Türen geöffnet, die zuvor verschlossen waren. Ich baue Webseiten auf einem Niveau, das früher eine Agentur erfordert hätte. Ich analysiere SEO-Daten ohne Programmierkenntnisse. Ich schreibe bessere Texte, weil KI als kritischer Leser fungiert.

Das Wichtigste dabei: Ich lerne täglich. Nicht passiv, sondern aktiv. KI macht mich nicht bequemer. Es macht mich neugieriger.

Die eigentliche Frage ist nicht «KI oder ich»

KI ersetzt auf dem Arbeitsmarkt Schweiz nicht nur einfache Routinetätigkeiten, sondern übernimmt auch komplexe Aufgaben, insbesondere Koordinations- und Analyseaufgaben. Das ist richtig. Aber es gibt etwas, das keine KI replizieren kann: den Menschen dahinter.

In der Kreativbranche, in der Filmproduktion, im visuellen Storytelling — ist der entscheidende Faktor nie die Technik gewesen. Es ist die menschliche Entscheidung. Was zeige ich? Wie erzähle ich es? Warum interessiert es jemanden?

KI macht die Produktion schneller und zugänglicher. Sie ersetzt nicht das Urteilsvermögen. Sie vervielfacht es.

Die eigentliche Frage ist nicht, ob KI Jobs verdrängt. Die Frage ist: Was mache ich mit der Zeit, die mir die KI zurückgibt?

Quellen

ETH Zürich / KOF: «KI und der Schweizer Arbeitsmarkt» (Oktober 2025) · PwC Schweiz: AI Jobs Barometer 2025 · Stanford University (zitiert in 20 Minuten, August 2025) · Seco / Die Volkswirtschaft: «KI verändert den Arbeitsmarkt» (April 2025)